TEDx Bay Area Events

TEDx Bay Area Events

An sich ist TED eine Konferenz, die jedes Jahr in den USA zu Themen rund um Technologie, Unterhaltung und Design stattfindet. Schon wegen der hohen Eintrittspreise wird der Otto Normal Unternehmer daran selten teilnehmen. Allerdings gibt es auch die TEDx Veranstaltungen. Hierbei hat der Veranstalter eine Lizenz erhalten um unter den namen TED eigene Events durchzuführen.

In Mountain View hat die TEDx Bay Area ihren Sitz und im September kam hier der Autor des Buches „The decision tree“ zu Wort. Er stellte seine Thesen vor, dass personalisierte Information die bessere Strategie wäre, im Hinblick auf die Problemen denen sich die Gesundheitssysteme in vielen Staaten gegenüber sehen.

Entwicklung Übergewicht USA 1989 bis 2009

Entwicklung Übergewicht USA 1989 bis 2009

Eines der grossen Probleme der Gesellschaft ist die Gesundheitsvorsorge. Egal welchem Konzept die Länder anhängen, die Probleme sind überall die selben. Zu hohe Kosten, bei tendenziell sogar schlechter werdender Gesundheitversorgung. Die Ursachen sind vielfältig. Einige liegen bei der Pharmaindustrie, aber auch in der Entwicklung der persönlichen Gesundheit wie z.B. Übergewicht. Wie schnell diese Entwicklung fortschreitet, ist beispielsweise an einer Untersuchung der CDC zwischen 1989 und 2009 ersichtlich. In einigen Staaten der USA ist z.B. erstmal seit 100 Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung sogar gesunken.

Das ist der Rahmen, den der Vortragende Thomas Goetz aufgriff und seine Thesen vorstellte. Der Buchautor  sieht insbesondere in der Personalisierung der Informationen und Massnahmen des Einzelnen die Zukunft. Nur wenn dieser vernüftig und ständig informiert wird, und vernünftige Entscheidungen treffen kann, kann dieser auch für seine eigene Gesundheit die Verantwortung übernehmen.

Das hört sich einfach an, bis bedacht wird, dass viele der derzeitigen Strategien darauf eben nicht basieren. Thomas Goetz, übrigens hauptberuflich stellvertretende Chefredakteur des bekannten WIRED Magazins aus San Francisco, brachte hierfür einige Beispiele:

Typischer Warnhinweis by tabakblog.de/

Typischer Warnhinweis

Botschaft: Angst

In einer schon 1981 durchgeführten Studie wurde untersucht, welchen Zusammenhang es zwischen der Wirksamkeit, die Häufigkeit wie man eine Information zu Gesundheitsthemen erhält und in wie stark die Botschaft versucht Angst zu verbreiten. Dabei ergab sich, dass der Versuch besonders viele Ängste zu erzeugen und/oder Informationen zur Gesundheit besonders häufig zu vermitteln, einen relativ niedrigen Wirksamkeitgrad hat.

An sich nicht überraschend, nur werden in gesetzlichen Vorgaben genau diese Strategie bei vielen Gesundheitsthemen nicht an wie z.B. beim Rauchen.

Vergleich Standard vs Target clearRx

Vergleich Standard vs Target clearRx

Botschaft: Unverständlichkeit

Klare Hinweise darüber was Medikamente bewirken und wie man diese einnehmen muss, können nicht nur Folgeschäden vermeiden helfen, sondern stellen auch ein Alleinstellungsmerkmal derzeit noch im Verkauf da. So hat die Handelskette Target seine eigene Dose entworfen, die in verschiedenen Farben ausgeliefert wird und klare Hinweise über Einnahme und Warnungen beinhaltet.

Botschaft: Transparenzverzicht

Ähnlichwie bei den Beschriftungen von Medikamenten oder den Rezepten von Ärzten, geht es auch bei der Darstellung der Wirksamkeit und Seiteneffekte von Medikamenten zu. Die Beipackzettel sind so geschrieben, daß sie ein normaler Mensch nicht verstehen kann. Selbst ein Arzt braucht zwangsweise gute Augen, oder eine gute Lupe, um diese lesen zu können.

Drug Facts von DMS

Drug Facts von DMS

Dabei sind die dort enthaltenen Informationen für den Menschen selbst gar nicht relevant. Die konkreten Warnungen, die Warnung vor Seiteneffekte und besonders die Wirksamkeit, sind Faktoren, wo heutzutage ein Nutzer blind seinen Arzt, oder noch schlimmer, der Werbung glauben muss.

Dabei geht es klarer und einfacher. Die Dartmouth Medicine Magazin hat mal eine Beispiel für eine Werbeinformation bzw. Beipackzettel veröffentlicht, was genau diese Informationen kurz und knapp darstellt und einfach verständliche Studienergebnisse zur Wirksamkeit des Medikaments einsehen kann.

Botschaft: Individualisierung

Es zeigt sich , dass individuell auf den Menschen einzugehen, häufig mehr Erfolg hat. Aus der Psychologie ist das ja bekannt, aber bei jeder Art von Massnahme ist es wichtig den Menschen, seine Gewohnheiten, seine Persönlichkeit und die konkrete Gesundheitssituation zu berücksichtigen. Als Beispiel wurden hier Weightwatchers oder die Canyon Ranch Facilities genannt. Allerdings bedeutet individualisierte Massnahmen eher höhere Kosten und sind daher aus diesen Grund nicht praktisch.

Lösung Personalisierung, Technologie und Design ?

Genau hier hakt der Thomas Goetz jedoch ein. Technologie entwickelt sich rasend fort und wird immer günstiger. Viele Massnahmen die noch vor wenigen Jahren unbezahlbar war, sind heute einfach zu bezahlen und versetzen den informierten Menschen in die Lage eigene Entscheidungen schnell und direkt zu treffen. Dabei muss nicht mal als Beispiel herangezogen werden, dass noch in den 60iger Jahren Wissenschaftler der RAND Corporation glaubten, das ein PC für den Hausgebrauch ein eigenes Zimmer benötigen würde und für den normalen Bürger unbezahlbar wäre.

Radar Warnschild

Radar Warnschild

Ein Beispiel aus dem Strassenverkehr zeigt das viel anschaulicher. Waren noch vor wenigen Jahren Radargeräte so teuer, dass Gemeinden sich nur wenige für ihre Verkehrspolizei leisten konnten, sind sie heute so gut und günstig geworden, dass Sie als Teil von einer Kombination aus Geschwindigkeitsanzeige und Warnschild aufgestellt werden können. Solche Schilder gibt es in Neuseeland und den USA, auch Deutschland und den Niederlanden sind sie schon präsent.  Sie erfüllen die optimale Feedback-Anforderung. Der Autofahrer erhält die Information (max. Geschwindigkeit), die Analyse (eigene Geschwindigkeit) und so ist die direkte Reaktion (langsamer fahren) direkt umsetzbar.

Andere Beispiele für Technik die diesen Grundprinzip folgt sind der ZEO Sleep Monitor System, die ein Schlaflabor in das eigene Schlafzimmer bringt.

Ein anderes Beispiel ist die Vitality GlowCap. Diese Pillendose ist über WLAN mit einer Station verbunden. Wenn es an der Zeit ist seine Pillen zu nehmen, fängt die Dose an zu blinken. Wird dies ignoriert, wird über die WLAN Station weitere LED-Lampen in anderen Räumen zum blinken aktiviert. Sollte das nicht helfen, beginnt das Piepen. Wird man das weiterhin ignorieren, wird eine E-Mail z.B. an die Familienmitglieder oder den Arzt verschickt. Auf den ersten Blick scheint hier die Technik etwas übertrieben. Nicht jedoch wenn bedacht wird, dass die verspätete oder gar vergessene Einnahme von Medikamenten eines der wichtigen Faktoren darstellt, die Spätschäden befördert. Das dürfte ein Grund sein, dass die Krankenkassen in den USA teilweise die Kosten für diese blinkende, piepende und emailende Medikamentendose übernehmen.

Pokewalker und Nintendo DS

Pokewalker und Nintendo DS

Ein ganz anderes Beispiel ist der Pokemon Powerwalker. Der Spieler hat damit die Möglichkeit, durch spazierengehen Punkte zu verdienen, die er dann später gegen Pokemon Charakter tauschen kann. Dafür wird  nur ein kleines Zusatzgerät benötigt. Mit diesen Pokewalker werden die erfassten Daten dann auf die Nintendo DS übertragen

In eine Kategorie wie die blinkende GlowCap zählt sicher die Personenwaage von Whithings. Diese ebenfalls mit WLAN ausgestattete Waage erlaubt nicht nur die Übermittlung der Daten auf PC und iphone, sondern der Besitzer kann die letzte Messung auf Twitter veröffentlichen. Inzwischen ist diese Waage auch in Deutschland verfügbar.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Natürlich hat die Informatiktechnik nicht nur Vorteile. Auch Thomas Goetz gab zu, dass Informationen, besonders wenig fundierte, ein Problem darstellen und diese durch neue Technologien viel einfacher gefunden werden können.

Thomas Goetz

Thomas Goetz

So ist „Cyberchondria“ ein Effekt wo Leute krank werden oder die eigene Behandlung negativ beeinflussen auf Basis von Suchergebnissen von Suchmaschinen. Entsprechende Webseiten die u.a. versuchen unnütze oder falsche Informationen oder Medikamente zu verkaufen, stellen dabei aber ein verstärkender Faktor da. Solche Seiten sind auf die Suchmaschinen so optimiert, so das der Buchautor aus San Francisco unter anderen erzählte, dass Microsoft bei Bing explizit Massnahmen ergriffen hat, um solche Seiten abzuranken und Informationen mit gesicherten Fakten entsprechend höher rankt.

Dazu kommt die Frage, welche Informationen man veröffentlich sollte und welche nicht. Selbsthilfe- oder Behandlungsgruppen (Disease Communities) sind sinnvoll. Es bietet sich an, wenn erfasste Daten beschränkt zwischen den Mitgliedern ausgetauscht werden, so dass sich diese gegenseitig unterstützen können. Insofern ist Social Media sehr wohl auch eine technische Entwicklung, die hier zu der Idee der Feedback-Schleife von Information, Analyse, Entscheidung zur Schaffung der persönlichen Gesundheitsvorsorge und -behandlung mit einfliessen wird. Thomas Goetz könnte mit seiner Einschätzung sehr wohl recht haben:

This can be the next big step in health care

Wo man hinsieht, noch mehr Daten

Dabei zeigt sich auch ein wichtiger Aspekt, der ebenfalls eine Rolle spielt. Natürlich bedeutet diese Technologie, und der Wunsch Feedback-Schleifen bei Gesundheitsthemen bei dem Einzelnen zu erzeugen, dass eine Menge Daten anfallen. Schon die Diskussion in Deutschland um die Gesundheitskarte zeigt, dass diese Entwicklung unter Datenschutzgesichtspunkten ein sehr sensibler Aspekt sein kann. Dabei kann der Austausch von Daten z.B.  Doppeluntersuchungen vermeiden und damit Belastung für den Patienten und Kosten vermeiden. Der Einsatz von Technologie verbunden mit interdisziplinären regionalen Medizinzentren ohne das gleich grosse Datenmengen anfallen, ist sehr wohl machbar. Neuseeland hat das beispielsweise sehr gut geregelt. Gleichzeitig sind  Krankenversicherung und medizinische Behandlung im Vergleich zu USA und Deutschland noch bezahlbar und trotzdem sehr gut.

Gleichzeitig sollte die Thesen von Thomas Goetz aber auch anregen, über Datenschutz unter einen neuen  Paradigma nachzudenken. Sei es bei Facebook oder bei der eigenen Personenwaage, es geht um die Sammlung und Veröffentlichung von Daten.

Ist dabei das Konzept der Datenvermeidung immer der richtige Weg?  Selbst wenn der Nutzer dadurch mit noch mehr unpassender Werbung belästigt wird, noch mehr Restriktionen für die Internetnutzung entstehen und sich Länder wie Deutschland noch mehr Wettbewerbsnachteile einhandeln?

Es sollte eigentlich mehr darum gehen, die Eigenverantwortlichkeit des Menschen zu fördern, welche Informationen er veröffentlicht, an wen und warum.  Dazu muss man schon frühzeitig damit beginnen, was mit den eigenen Daten passiert und was es bedeuten kann, zu leichtfertig damit umzugehen. Aber am Ende kann auch der Nutzer selbst entscheiden, was mit seinen Daten passiert und er kann auch bei Gesundheitsthemen abwägen, ob die Vorteile die Nachteile überwiesen. Die aktuelle Datenschutzdebatte geht eher in die Richtung, dass den einzelnen Menschen die Entscheidung durch den Staat abgenommen wird.  (FS)

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