Osama on the Net

Osama on the Net

Als um kurz vor Mitternacht des 1. Mai 2011 Obama vor die Presse tritt und verkündet, dass es den USA gelungen ist, den Most Wanted Nummer 1 aufzuspüren und zu töten, war die Sache für viele Menschen schon ein alter Hut. Als etwa zwei Stunden vor Obamas Rede angekündigt wurde, dass er eine Ansprache an die Nation halten möchte, gingen binnen Minuten die Spekulationen in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter los. Sehr schnell fiel neben Gaddafi auch der Name Bin Ladens, aber Spekulationen blieben Spekulationen – noch blähten sie sich nicht zu Gerüchten auf.

Vertrauenswürdige Nachricht – nicht jede ist eine

Welche Eigenschaften eine Nachricht haben muss, die einen Leser so stark überzeugt, dass er sie erstens für authentisch genug und zweitens so glaubwürdig hält, dass andere Nutzer sie weitertragen, kann man schnell an einer Hand abzählen: Autorität, Überzeugungskraft und Vertrauen sind die Werte, die ein Mitglied mitbringen muss, damit seine Nachricht die volle Wirkung erzielen kann. 14,8 Millionen Tweets, die zwischen der Ankündigung der Rede und der eigentlichen Ansprache an die Nation verschickt wurden, waren Ausgangsbasis für das Team von SocialFlow, die wiederum jene zehntausende Nutzer unter die Lupe genommen haben, die über den Tod von Bin Laden spekuliert haben. Sie wollten herausfinden, ob es dann genau diese Werte waren, die zu der Überraschung führten, die Twitter für sie bereithielt.

Michael Cohen, leitender Wissenschaftler am American Security Project, war einer der ersten, der das Gerücht postete, dass die Ansprache Obamas etwas mit dem Tod Bin Ladens zu tun haben könnte und obwohl seine Präsenz im Internet sehr viel stärker war als die von vielen anderen, fand seine Nachricht kaum Gehör. Es war dann ein bis dahin zwar bekanntes, aber doch unspektakuläres Mitglied der Twitter-Gemeinde, der Stabschef im Büro von Donald Rumsfeld, welcher den entscheidenden Stein ins Rollen brachte. Keith Urbahn mit zu diesem Zeitpunkt nur 1.016 Followern sollte der Mann sein, dem binnen weniger Minuten die halbe Online-Welt glaubte.

Twitter Trend by Shikeb Ali

Bin Laden Twitter Trend

Wie die Kettenreaktion ablief, hat beispielsweise  Shikab Ali in seinen Artikel näher untersucht, angefangen von der Nachricht um 21:47 von Dan Pfeiffer, als Kommunikationsdirektor des Weisen Hauses.

Aber welche weitere Faktoren lösten 300 Reaktionen, darunter die von NYT-Reporter Brian Stelter, auf Keith Urbahns Original-Post in nur zwei Minuten aus?

Seine Nachricht war schlicht, aber überzeugte:

So I’m told by a reputable person they have killed Osama Bin Laden. Hot damn.

In nur wenigen Minuten hatten mehrere hundert Menschen seinen Post erneut gepostet, darunter auch Brian Stelter, dem eine Schlüsselrolle zufällt. Der Journalist der New York Times mit über 50.000 Followern schenkte Keith Urbahn Vertrauen und das wiederum überzeugte seine eigenen Follower.

Virtueller Informationsfluss

Virtueller Informationsfluss

Grosse und kleine Schneebälle bei Tweets

In der Grafik, die das gesamte Tweet-Aufkommen, ausgehend von Keith Urbahn, abbildet, kann man deutlich sehen, dass es explosionsartigen Zuwachs an Reaktionen folgte, sobald die Nachricht durch Brian Stelter weitergeleitet wurde. Auch andere Namen wie @ObamaNews, @andylevy und @laughingsquid lösten unzählige von weiteren Reaktionen mit ihren Re-posts aus.

Die Möglichkeit, über ein soziales Netzwerk wie Twitter seine Gedanken zu teilen und gemeinsam zu spekulieren, entfachte ein Lauffeuer von nicht vorhersehbarer Kraft. Kein noch so komplizierter Logarithmus hätte berechnen können, dass ausgerechnet Keith Urbahn es sein wird, dem der bahnbrechende Tweet gelang. So spielen nicht nur die vorher genannten Attribute wie Autorität, Vertrauen und Überzeugungskraft eine Rolle, sondern auch die Verbindungen, die ein Mitglied eines sozialen Netzwerkes hat, genau wie das richtige Timing und die altbekannte Portion Glück. Die Entscheidung, einen Tweet weiterzuposten, wird irrational in wenigen Millisekunden gefällt und warum genau wir nun den Knopf drücken, kann kein Rechenmodell der Welt erklären.

Facebook und Twitter machen „Events“

Daten von Mashable und Akamai zeigen fortführend die Bedeutung des Webs bei Großereignissen wie diesem auf. Eine Umfrage von Mashable ergab, dass erstaunliche 50% der Teilnehmer die Neuigkeiten über Bin Ladens Tod als erstes auf einer Seite eines sozialen Netzwerks gelesen haben und es eben nicht von einer der einschlägigen Onlinepräsenzen der internationalen Tageszeitungen oder aus der Präsidentenansprache selbst hatten. Twitter berichtet von über 4.000 Tweets pro Sekunde direkt vor und nach der Präsidentenansprache.

Über eine Stunde nach dem bahnbrechenden Post von Keith Urbahn schrieb auch der offizielle Twitter-Kanal des Weißen Hauses, dass Bin Laden tot ist. Danach kam die New York Times, die abgesehen von Obamas Account, die erste offizielle und traditionelle Nachrichtenquelle war, die das Geschehene auf seiner Twitter-Seite verbreitete. Früher galt das journalistische Prinzip „Nichts ist so alt, wie die Nachricht von gestern„. Heute muss man das adaptieren auf

Keine Nachricht ist so alt, wie der Tweet von vor einer Stunde

Es ist beruhigend zu sehen, dass das menschliche Verhalten rund um die Informationsnetzwerke dieser Welt für die Technik immer noch ein undurchdringbares Geflecht von Verknüpfungen ist. Wer auf Twitter & Co. heutzutage einen großen Coup landen möchte, braucht zusätzlich zu den Key-Points das richtige Timing, ein gut vernetztes Publikum und zu guter Letzt den richtigen Fetzen an exklusiver und sensationsheischender Info. Manche Nachrichten entsprechenden diesen Kriterien, andere entfalten Ihre Wirkung auch ohne Twitter.

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